Bd. I · Heft 03 · Mai 2026
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Architektur · 12 min

Johann Hoeniger und der Bautypus der Berliner Hinterhof-Synagoge

Der Pankower Baumeister Johann Hoeniger entwarf zwischen 1890 und 1910 eine Reihe Berliner Sakralbauten, deren Hauptarbeit — die Synagoge in der Rykestraße 53 — bautypologisch eine entschiedene Hinterhof-Lösung ist. Eine Lese der Stilanleihen und Konstruktionsentscheidungen.

Die Synagoge in der Rykestraße 53 wurde zwischen Mai 1903 und August 1904 errichtet, sechzehn Monate Bauzeit für einen der größten erhaltenen Sakralbauten der Berliner Jüdischen Gemeinde. Der zuständige Architekt war Johann Hoeniger, ein im Berliner Adressbuch zwischen 1890 und 1912 unter wechselnden Atelieradressen verzeichneter Baumeister, dessen Werkverzeichnis bis heute kein eigenes Monographie-Format gefunden hat. Die Forschungslage ist dünn, weil Hoeniger im Schatten der prominenteren Berliner Sakralbau-Büros stand: neben Eduard Knoblauchs nachgelassenem Werk (die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße, 1859–1866), neben den Büros Cremer & Wolffenstein (Synagoge Lützowstraße 1898, Synagoge Fasanenstraße 1912) und neben Franz Schwechtens kirchlichem Werk. Hoeniger ist der vierte Name in einer Aufzählung, die meist mit dreien auskommt.

Stand der Forschung

Ein erstes biographisches Profil liefert Salomon Wininger in seiner Großen Jüdischen National-Biographie (Cernăuți, 1925–1936), das ist allerdings dürr und an mehreren Stellen sachlich ungenau. Eine kritische Würdigung erbrachte erst Hannelore Künzls Islamische Stilelemente im Synagogenbau des 19. und frühen 20. Jahrhunderts (Frankfurt am Main, 1984), die Hoeniger als einen der konsequentesten Anwender der byzantinisch-romanischen Stilsynthese im wilhelminischen Sakralbau identifiziert. Neuere Magisterarbeiten an der TU Berlin (Fachgebiet Architekturgeschichte) und die Bestandsaufnahmen des Centrum Judaicum haben Hoenigers Werkliste in den vergangenen zwei Jahrzehnten allmählich erweitert. Eindeutig dokumentiert sind die Synagoge Rykestraße, die — kriegszerstörte — Synagoge in der Pestalozzistraße 14/15 (1912) als spätere Arbeit sowie eine Reihe Mietshäuser im Stadtteil Pankow.

„Hoeniger gehört zu den Architekten, deren Werk man eher aus den Baugenehmigungs-Akten als aus der zeitgenössischen Fachpresse rekonstruieren muss.” — Notiz aus den Findbüchern des Landesarchivs Berlin, Bestand A Pr. Br. Rep. 042 Bauakten

Die bautypologische Entscheidung: Hinterhof statt Straßenfront

Die wichtigere Frage als die Stilanleihe ist die der Bautypologie. Hoeniger entschied sich — gemeinsam mit dem Bauherrn, dem Synagogenverein Rykestraße — gegen eine straßenseitige Sakralfassade. Stattdessen wurde das Hauptgebäude tief in den Block hineingesetzt, erschlossen durch ein vorgelagertes viergeschossiges Wohngebäude an der Straßenflucht, das die übliche Berliner Vorderhaus-Typologie übernimmt und in dessen mittlerer Achse eine Durchfahrt zum Hof führt. Erst dort, im zweiten Hof, öffnet sich der Sakralraum. Die liturgische Hauptachse läuft senkrecht zur Straße.

Diese Entscheidung ist nicht trivial. Sie ist auch keine schlichte Reaktion auf städtebauliche oder rechtliche Zwänge — Baugrund war hinreichend tief verfügbar, eine straßenseitige Setzung wäre prinzipiell möglich gewesen. Die Hinterhof-Lösung folgt vielmehr einer Sichtbarkeits-Politik der Berliner Gemeinde nach dem Bau der Neuen Synagoge: nachdem deren maurisch-byzantinische Prachtfassade in der Oranienburger Straße seit 1866 als Demonstrationsbau einer selbstbewussten Reformbewegung wirkte, suchten orthodoxere Gemeindeverbände bewusst die zurückhaltende Setzung. Die Rykestraßen-Synagoge gehörte zum orthodoxen Lager des Berliner Gemeindespektrums; ihre Bautypologie korrespondiert mit der theologischen Selbstdefinition.

Vergleichbar — wenn auch in kleinerem Maßstab — ist die Setzung der heute nicht mehr erhaltenen Synagoge Heidereutergasse 4, die ebenfalls als Hofbau realisiert war, und einige der kleineren privaten Bethäuser in der Spandauer Vorstadt, die als Bet-ha-Knesset (wörtlich: Versammlungshaus) im Hinterhof entstanden, ohne jeden Anspruch auf städtebauliche Repräsentation.

Stilanleihen: byzantinisch-romanisch, nicht maurisch

In der Stilfrage ist Hoeniger differenzierter zu lesen, als die Sekundärliteratur es bisher tat. Die einfache Zuschreibung „maurisch-byzantinisch” passt für die Rykestraßen-Synagoge nur eingeschränkt. Der maurische Anteil — Hufeisenbögen, geometrische Ornamentik nach andalusischen Vorbildern, polychrome Wandflächen wie bei Knoblauchs Oranienburger Bau — ist hier deutlich zurückgenommen. Dominant sind vielmehr romanisch-byzantinische Elemente: Rundbogenfenster in zwei Geschossen, ein Triforium über dem Hauptraum, eine Apsis-Lösung an der Ostseite mit der Tabernakel-Wandung des Aron ha-Kodesch (des Toraschreins), die typologisch eher dem ravennatischen Sakralbau als der Alhambra entspricht.

Das hat Gründe. Erstens war die orthodoxe Gemeinde der Rykestraße zurückhaltender im Hinblick auf demonstrative Exotik als die Reform-Gemeinde der Oranienburger Straße; das maurische Vokabular war 1903 bereits politisch aufgeladen. Zweitens hatte sich der Diskurs in den Berliner Architekturkreisen seit den 1890er Jahren verschoben. Karl Schwarz und andere Vertreter eines „ernsten”, historistisch verstandenen Sakralbaus hatten in Aufsätzen — etwa in der Deutschen Bauzeitung der späten 1890er — eine Kritik des maurisch-orientalisierenden Synagogenbaus formuliert, die auf das wilhelminische Berliner Klima abfärbte.

Hoeniger nimmt diese Verschiebung auf. Seine Wandgliederung ist romanisch-byzantinisch, mit einer Diktion, die sich eher an den frühchristlichen Basiliken Roms und Ravennas als an Cordoba oder Granada orientiert. Die Hauptkuppel über dem Sakralraum — ein Backsteingewölbe ohne Tambour, direkt auf den Vierungspfeilern aufsitzend — ist konstruktiv und ästhetisch von byzantinischen Zentralbauten her gedacht. Die Mosaik-Kartuschen, die heute nach der Restaurierung wieder sichtbar sind, stehen in dieser Linie.

Material und Konstruktion

Die konstruktive Lösung ist konventionell und gerade darin aufschlussreich. Tragend ist ein Backstein-Mauerwerk auf Stampfbeton-Fundamenten, mit innenliegenden Pfeilern aus Mauerziegel-Verband. Die Hauptkuppel überspannt einen quadratischen Grundriss von etwa 13 × 13 Metern; sie ist als flaches Backsteingewölbe ausgebildet, dessen Tragfähigkeit durch radial angeordnete Eisenanker im Mauerwerk gesichert wurde. Auf einen Tambour wird verzichtet, was den Innenraum niedriger und konzentrierter wirken lässt als bei Knoblauchs Oranienburger Bau, der seinen Hauptraum durch einen erhöhten Tambour buchstäblich überhöht.

Die Empore — bautypologisch zwingend für eine orthodoxe Synagoge, da sie die Trennung der Geschlechter aufnimmt — verläuft auf drei Seiten und ist über zwei Treppenhäuser im Vorbau erschlossen. Die Bima (das erhöhte Lesepult) befindet sich, dem orthodoxen Brauch entsprechend, in der Mitte des Hauptraums, nicht an der Apsis. Diese Anordnung unterscheidet die Rykestraßen-Synagoge sichtbar von den Reform-Bauten der Periode, bei denen die Bima an die Ostwand zum Aron ha-Kodesch gerückt ist.

Die Materialwahl ist Berliner Standard der Zeit: Innenputz auf Schilfrohrmatten, Stuck-Ornamentik in Spiegeln, geprägtes Ornament an den Bogenlaibungen, polychrome Schablonenmalerei an Wand- und Gewölbeflächen. Der Fußboden im Hauptschiff ist ein zweifarbiges Mosaik in geometrischem Muster, das in der seit 2007 abgeschlossenen Restaurierung partiell rekonstruiert wurde.

Werkverzeichnis-Skizze: ein Vergleich mit den Konkurrenten

Stellt man Hoeniger neben seine wichtigsten Berliner Mitbewerber, wird die Eigentümlichkeit seiner Arbeit deutlicher. Wilhelm Cremer und Richard Wolffenstein betrieben das produktivste jüdische Sakralbau-Büro im wilhelminischen Berlin. Ihre Synagoge in der Lützowstraße (1898 fertiggestellt, im Krieg zerstört) war ein straßenseitiger Repräsentationsbau mit Zwei-Türme-Fassade und maurischen Anleihen. Ihre Fasanenstraßen-Synagoge (1912 eingeweiht, 1938 ausgebrannt) war noch ambitionierter, mit einer Hauptkuppel von rund 27 Metern Scheitelhöhe.

Hoenigers Rykestraße ist kleiner, zurückhaltender, programmatisch anders. Die Synagoge folgt nicht der Logik der städtebaulichen Demonstration, sondern der inneren Sammlung im Hinterhof. Das ist möglicherweise der Grund, warum sie als einziger der großen Berliner Synagogen-Bauten den November 1938 in baulicher Substanz überstand: ihre städtebauliche Unsichtbarkeit war zugleich ihr brandschutztechnischer Schutz, was eine andere Geschichte ist, die in dieser Publikation an anderer Stelle erzählt wird.

Quellenlage

Die wichtigsten Bestände für eine systematische Hoeniger-Rezeption liegen erstens im Landesarchiv Berlin (Bauakten der Verwaltungsgebiete Prenzlauer Berg und Pankow, Bestand A Pr. Br. Rep. 042), zweitens im Centrum Judaicum (Akten des Synagogenvereins Rykestraße und Bauunterlagen mehrerer kleinerer jüdischer Sakralbauten) und drittens im Berlin-Adressbuch der Jahrgänge 1890 bis 1912, in dem Hoeniger durchgehend als Architekt mit wechselnden Atelieradressen verzeichnet ist (zuletzt, im Jahrgang 1912, in der Pankower Wollankstraße). Eine systematische Werkliste auf dieser Grundlage steht noch aus.

Sie wäre überfällig. Hoeniger ist ein Beispiel dafür, dass die Berliner Sakralbaugeschichte um 1900 nicht nur aus den drei oder vier kanonisierten Büros besteht, sondern aus einem dichteren Geflecht regional verankerter Praktiker, deren Bauten — anders als die der prominenten Konkurrenten — vielfach erhalten sind. Wer die wilhelminische Synagoge typologisch ernstnehmen will, wird an Hoeniger nicht vorbeikommen.


Ressort: Architektur §