Bd. I · Heft 03 · Mai 2026
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Geschichte · 13 min

1938 — warum die Rykestraßen-Synagoge in der Pogromnacht nicht abbrannte

Die Rekonstruktion der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in der Rykestraße 53 ergibt ein nüchternes Bild. Die Brandstiftung fand statt; der Brand wurde gelöscht. Die Gründe waren pragmatisch, nicht religiös. Eine Quellenkritik.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die Synagoge in der Rykestraße 53 von einer SA-Gruppe in Brand gesetzt. Der Brand wurde nach kurzer Zeit gelöscht, die bauliche Substanz blieb weitgehend erhalten. Diese beiden Sätze stehen in jeder kürzeren Darstellung der Berliner Pogromnacht. Sie sind, jeder für sich, sachlich zutreffend; in ihrer Verkürzung produzieren sie aber einen kausalen Eindruck, der die Quellenlage nicht trägt. Insbesondere die Suggestion, der Brand sei aus religiösem Respekt oder aus einer Geste der Schonung gegenüber jüdischem Eigentum gelöscht worden, ist nicht haltbar. Die Aktenlage spricht eine andere Sprache.

Was geschah

Die SA-Standarte, die in der Nacht zum 10. November 1938 für die Rykestraße zuständig war, traf nach Mitternacht am Synagogenkomplex ein. Der Eingang über die Vorderhaus-Durchfahrt wurde gewaltsam geöffnet. Im Inneren der Synagoge entzündeten die Brandstifter die hölzerne Innenausstattung — Gestühl, Empore-Brüstungen, die hölzernen Türen des Aron ha-Kodesch (Toraschrein) und in einigen Berichten auch Teppiche aus dem Hauptraum. Toraschriftrollen wurden auf die Straße gebracht und vor dem Vorderhaus verbrannt; das ist durch mehrere Zeugenaussagen gedeckt.

Der Innenraum stand kurzzeitig in Flammen. Die Feuerwehr — zuständig war die Brandwache Prenzlauer Berg — rückte zwischen zwei und drei Uhr nachts an. Die genaue Uhrzeit ist nicht eindeutig dokumentiert; die Brandschutzakten der Berliner Feuerwehr für die Nacht vom 9. zum 10. November 1938 sind, soweit sie überhaupt erhalten sind, lückenhaft und in Teilen erst in den 1990er Jahren aus dem Bundesarchiv-Bestand rekonstruiert worden. Der Brand wurde innerhalb einer Stunde unter Kontrolle gebracht. Die Innenausstattung war zu großen Teilen vernichtet, die tragende Substanz des Gebäudes, insbesondere die Kuppel und das Mauerwerk, blieb unversehrt.

Warum die Feuerwehr löschte

Hier beginnt die Quellenkritik. Die in den Nachkriegsbefragungen 1945 bis 1947 protokollierten Aussagen von Berliner Feuerwehrleuten und von Anwohnern der Rykestraße sind unter Vorbehalt zu lesen — Aussagen von Tätern und Mitläufern haben in dieser Phase eine eigene apologetische Färbung, die Aussagen von Zeitzeugen jüdischer Herkunft sind durch die Distanz von sieben Jahren und durch das Trauma der Zwischenzeit gefärbt. Was sich aus dem Aktenmaterial gleichwohl konsistent rekonstruieren lässt, ist folgendes:

„Die Anweisung lautete: Brände in jüdischen Gotteshäusern brennen lassen, sofern keine Gefährdung benachbarter Gebäude besteht. War eine solche Gefährdung gegeben, war zu löschen.” — Sinngemäße Wiedergabe einer in mehreren Befragungsprotokollen wiederkehrenden Anweisungsformel; siehe Akten des Berliner Polizeipräsidiums, Bestand im Landesarchiv Berlin

Die Rykestraße 53 ist baulich in einen dichten Berliner Mietshausblock eingestellt. Das Vorderhaus an der Straßenflucht ist ein viergeschossiger Wohnbau mit über zwanzig Mietparteien; die seitlichen Nachbargrundstücke sind eng angebaut, die Brandwände sind nach Bauordnung Berlin von 1853 ausgelegt, aber bei einem unkontrollierten Synagogenbrand keinesfalls hinreichend, um ein Übergreifen sicher auszuschließen. Hätte die Innenausstattung weiter gebrannt, wäre die Hauptkuppel das brennende Zentrum eines Innenhofs gewesen, mit Funkenflug in alle Richtungen. Die Feuerwehr-Anweisung war eindeutig: in solcher Konstellation war zu löschen.

Das ist die Antwort auf die Frage, warum die Rykestraßen-Synagoge nicht abbrannte. Sie steht baulich in einer Konstellation, die ein vollständiges Niederbrennen ohne Kollateralschaden an deutschem Wohnungseigentum unmöglich machte. Der Schutz galt nicht der Synagoge, sondern den umliegenden Mietshäusern.

Vergleich mit den anderen Berliner Synagogen

Diese Lesart bestätigt sich, wenn man die Pogromnacht-Bilanz der Berliner Synagogen insgesamt durchgeht. Die Fasanenstraßen-Synagoge (Cremer & Wolffenstein, 1912) brannte vollständig aus — sie stand freier in einem Charlottenburger Block mit größeren Abständen zu Wohnbauten. Die Lützowstraßen-Synagoge brannte aus — ähnliche städtebauliche Konstellation. Die Synagoge in der Levetzowstraße (Hoeniger? — die Zuschreibung ist unsicher) brannte aus. Die Hauptsynagoge in der Oranienburger Straße brannte nur teilweise; hier ist die Geschichte des Polizeireviervorstehers Wilhelm Krützfeld bekannt, der mit Verweis auf den Status des Hauses als denkmalgeschütztes Bauwerk Brandstifter abdrängte. Die Krützfeld-Geschichte ist historisch belegt, aber sie ist nicht repräsentativ; sie ist eine Ausnahme.

Die Rykestraßen-Synagoge fällt in die Kategorie der Hinterhof-Bauten in dichter Bebauung. Auch die Synagoge in der Heidereutergasse 4 (Hinterhof, dichte Bebauung) und mehrere kleinere Bethäuser in Hinterhöfen der Spandauer Vorstadt überstanden den 9. November ohne vollständigen Brand — aus derselben pragmatischen Gründung.

Die Folgenutzung 1939 bis 1945

Nach dem Pogrom wurde die Synagoge zwangsenteignet. Die genauen Eigentumswechsel sind in den Akten des Reichsfinanzministeriums und der Vermögensverwertungsstellen dokumentiert, mit Lücken; die Forschung der vergangenen zwei Jahrzehnte — insbesondere die Arbeiten Christine Fischer-Defoys am Aktiven Museum Faschismus und Widerstand in Berlin — hat das Material schrittweise aufgearbeitet.

Ab 1940 wurde das Gebäude als Wehrmachts-Bekleidungslager genutzt. Der Hauptraum diente als Lagerhalle; in den Emporen wurden Regalsysteme eingebaut, deren Spuren bei der Restaurierung Anfang der 2000er Jahre noch ablesbar waren (Bohrlöcher in den Brüstungen, Befestigungspunkte in den Wandflächen). Das Vorderhaus blieb bewohnt, mit teilweise neuvergebenen Mietverhältnissen.

Im Krieg wurde die Rykestraße 53 nicht durch alliierte Bombenangriffe getroffen. Die Substanz blieb erhalten — was nach 1945 dazu führte, dass das Gebäude zu den wenigen Berliner Synagogen-Bauten gehörte, die ohne tiefgreifenden Wiederaufbau wieder genutzt werden konnten. 1953 wurde die Rykestraße als Synagoge der Ostberliner Jüdischen Gemeinde wiedereröffnet, in den durch die DDR-Restitution definierten Verhältnissen.

Quellenkritik und Erinnerungspolitik

Die Geschichte der Rykestraßen-Synagoge im Pogrom 1938 ist ein Lehrstück über die Ambivalenzen historischer Sachlichkeit. Der populäre Erinnerungs-Diskurs neigt dazu, die Tatsache, dass das Gebäude steht, mit einer Erzählung der Schonung zu verbinden — Schonung durch Brandstifter, die im letzten Moment innehielten, Schonung durch eine Feuerwehr, die ihre Pflicht tat, Schonung durch günstige Zufälle. Diese Erzählung ist menschlich verständlich. Sie ist historisch unscharf.

Was tatsächlich passierte, ist nüchterner und schwerer zu erzählen. Die Brandstiftung fand statt. Sie war gewollt, sie war organisiert, sie hätte das Gebäude vernichtet, wenn die städtebauliche Konstellation eine andere gewesen wäre. Der Brand wurde gelöscht, weil das deutsche Wohnungseigentum in der Rykestraße im Vordergrund stand. Das Gebäude überstand die Nacht, weil seine bautypologische Entscheidung von 1903 — Hinterhof, dichte Nachbarschaft, keine straßenseitige Solitärstellung — sich 35 Jahre später als brandschutztechnischer Schutz erwies.

Diese Ambivalenz aushalten zu können, ohne sie in eine wärmere Erzählung zu übersetzen, ist eine Aufgabe historischer Forschung. Die seit 2007 abgeschlossene Restaurierung der Rykestraße hat im Innenraum den Befund von 1904 weitgehend rekonstruiert. Die Spuren von 1938 sind im Bau nicht mehr ablesbar; sie sind in den Akten ablesbar.

Bestände

Die für eine Vertiefung relevanten Bestände sind: Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, Bestände des Reichssicherheitshauptamts und des Reichsfinanzministeriums; Landesarchiv Berlin, Bestand des Polizeipräsidiums Berlin sowie Bestände der Berliner Feuerwehr; Centrum Judaicum, Akten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin für die Jahre 1938–1945 (lückenhaft); Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin, dokumentarische Materialsammlungen. Eine zusammenfassende monographische Darstellung der Berliner Synagogen-Pogrome auf Aktengrundlage steht — anders als für einzelne Standorte — noch aus.


Ressort: Geschichte §