Bd. I · Heft 03 · Mai 2026
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Diaspora · 14 min

Vier Hauptstadt-Synagogen — Berlin, Wien, Prag, Budapest im Vergleich

Wien Seitenstettengasse, Prag Spanische Synagoge, Budapest Dohány-Tempel, Berlin Neue Synagoge: vier zentraleuropäische Sakralbauten der Jahre 1826 bis 1868. Was teilen sie an Stil-Anleihen, wo unterscheiden sie sich in Grundriss und Konfessions-Ausrichtung?

Die vier zentraleuropäischen Hauptstadt-Synagogen, die zwischen 1826 und 1866 entstanden, bilden ein kohärentes Korpus der diasporischen Sakralarchitektur des 19. Jahrhunderts. Wien, Prag, Budapest und Berlin standen in dieser Periode in einem intensiven Austausch architektonischer Modelle, baulicher Praktiker und liturgischer Diskurse. Wer die vier Bauten nebeneinander legt, sieht eine zentraleuropäische Bautypologie entstehen, die — anders als das osteuropäische jiddische Bauhandwerk der Holzsynagogen oder die sephardischen Traditionen des Mittelmeerraums — eine eigene Synthese aus europäischer Stilgeschichte und liturgischer Selbstverortung herstellte.

Die vier Bauten in chronologischer Folge

Wien, Seitenstettengasse (Stadttempel), Ludwig Förster — eingeweiht 1826. Der Wiener Stadttempel ist der älteste der vier Bauten und war ihn seiner Konstruktionszeit bauordnungsrechtlich erzwungen ein Hinterhof-Bau: das Toleranzpatent Josephs II. (1782) und seine Folgeregelungen ließen jüdische Sakralbauten in Wien nur ohne straßenseitige sakrale Außenkennzeichnung zu. Förster löste die Aufgabe mit einem klassizistischen Vorderhaus, hinter dem sich der ovale Hauptraum mit Säulenrundgang und zentraler Bima auftut. Konfessionsausrichtung: konservativ-orthodox, mit zentraler Bima und Geschlechtertrennung über Emporen.

Berlin, Neue Synagoge Oranienburger Straße, Eduard Knoblauch — eingeweiht 1866. Der Berliner Bau ist der späteste der vier, der konfessionsgeschichtlich am deutlichsten reformorientierte und architektonisch der demonstrativste. Knoblauch entwarf eine straßenseitige Schaufront mit Zwei-Türme-Komposition, vergoldeter Hauptkuppel und maurisch-byzantinischer Innenausstattung. Die Bima ist an die Ostwand gerückt, in unmittelbare Nachbarschaft des Aron ha-Kodesch — eine reformerische Anordnung, die die liturgische Front zur Ostseite hin konsolidiert. Hauptraum-Maße: rund 3000 Sitzplätze, Hauptkuppel rund 50 Meter Scheitelhöhe.

Budapest, Dohány-Tempel, Ludwig Förster (mit Frigyes Feszl als ausführendem Architekten) — eingeweiht 1859. Der Budapester Bau ist der größte der vier und gehört bis heute zu den größten Synagogen-Bauten weltweit, mit rund 3000 Sitzplätzen im Hauptraum und einer Gesamtlänge von rund 75 Metern. Förster — derselbe Architekt wie in Wien, dreißig Jahre später — entwarf eine straßenseitige Repräsentationsfront mit Zwei-Türme-Komposition und einem maurisch-byzantinischen Innenraum, der die Wiener Lösung der Seitenstettengasse maßstabsgerecht erweiterte. Konfessionsausrichtung: ungarisch-neologisch, eine reformnahe Mittelposition mit deutlicher Orientierung zur Bima an der Ostwand. Die Spitzhauben der Twin-Türme sind eine Eigentümlichkeit des Budapester Baus.

Prag, Spanische Synagoge, Vojtěch Ignác Ullmann (Hauptarchitekt) und Josef Niklas — eingeweiht 1868. Der Prager Bau steht im Korpus etwas abseits. Konzipiert wurde er nicht als Hauptsynagoge der Prager Gemeinde — diese Rolle behielt die Altneuschul, der mittelalterliche Bau in der Maiselstraße —, sondern als Sakralbau der reformnahen Prager Gemeinde-Fraktion. Architektonisch ist die Prager Lösung die konsequenteste Anwendung maurischer Vorbilder im Korpus: die Grundrisslösung mit zentralem Quadrat und überhöhter Kuppel, die Innenwand-Behandlung mit polychromer Schablonenmalerei nach andalusischen Mustern, die hufeisenförmigen Bogenlaibungen — all das geht auf eine sehr nahe Lese der Alhambra-Vorbilder und der Sevillaner Sakralbauten zurück.

Stil-Anleihen: was die vier Bauten teilen

Die Stil-Synthese, die alle vier Bauten in unterschiedlichem Maß durchführen, lässt sich auf drei Komponenten zurückführen.

Erstens: die maurische Anleihe. Die andalusisch-iberische Sakralarchitektur des 11. bis 14. Jahrhunderts — Cordoba, Sevilla, Granada — wurde in der mitteleuropäischen Synagogenbau-Diskussion der 1830er bis 1860er Jahre als historisch berechtigtes Anleihen-Reservoir verstanden. Der Argumentationsgang war: die andalusische Periode ist die historische Hochphase einer mitteleuropäisch-mediterranen jüdisch-islamischen Koexistenz, ihre Architektur ist die einzige authentisch jüdische Stil-Tradition, auf die ein 19.-jahrhundert-Bau zurückgreifen kann. Die Argumentation ist historisch verkürzt — die Sephardim hatten die Stil-Tradition mit sich getragen, die mitteleuropäisch-aschkenasische Gemeinde hatte keine direkte Anknüpfung — aber sie war ideologisch wirksam.

Zweitens: die byzantinische Komposition. Die Zentralbau-Tradition des ostmittelmeerischen Sakralbaus — Konstantinopel, Ravenna, Thessaloniki — lieferte das Kompositionsmuster für die Hauptkuppel über quadratischem Grundriss, das alle vier Bauten in der einen oder anderen Form aufgreifen. Berlin und Budapest setzen die Kuppel auf einen erhöhten Tambour, Wien arbeitet mit einem flachen Ellipsoid-Gewölbe ohne Tambour, Prag setzt die Kuppel auf einen reduzierten Tambour. Die byzantinische Wandfläche-Behandlung mit Mosaikfeldern und polychromer Schablonenmalerei ist in allen vier Bauten präsent.

Dritte: die romanische Tektonik. Die Wandgliederung mit Rundbogenfenstern in zwei oder drei Geschossen, mit Triforium-Galerien und mit der charakteristischen Pilaster-Vertikale ist eine romanische Anleihe, die die maurisch-byzantinische Stilsynthese baulich verankert. Sie ist in den vier Bauten am deutlichsten in Berlin (Knoblauch) und am zurückhaltendsten in Prag (Ullmann/Niklas) ausgeprägt.

Die Synthese dieser drei Komponenten — maurisch, byzantinisch, romanisch — ist die spezifische zentraleuropäische Antwort auf die Stil-Frage des Synagogen-Baus 1826 bis 1866. Sie wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und im frühen 20. Jahrhundert weitergetragen, mit unterschiedlichen Akzent-Verschiebungen — Cremer & Wolffenstein in Berlin verschoben das Verhältnis zugunsten der byzantinisch-romanischen Komponenten, Otto Wagner-Schüler in Wien öffneten die Tradition zur Sezession hin, und in Budapest entstand mit dem Ungarischen Jugendstil eine eigene Variante des Synagogen-Baus, die sich erst nach 1900 entfaltete.

Grundriss-Typologie

Hier liegt der eigentliche Unterscheidungspunkt der vier Bauten. Die Grundriss-Frage ist immer auch eine konfessionsgeschichtliche Frage: wo steht die Bima, wo der Aron ha-Kodesch, wie ist die Geschlechter-Trennung organisiert, gibt es eine straßenseitige Repräsentationsfront oder eine Hinterhof-Setzung?

Wien (Seitenstettengasse): Ovaler Hauptraum, zentrale Bima, Frauen-Empore auf zwei Ebenen, Aron ha-Kodesch an der Ostwand. Bautyplogisch Hinterhof. Konfessionsausrichtung konservativ-orthodox.

Berlin (Neue Synagoge): Dreischiffiger Hauptraum mit erhöhtem Mittelschiff, Bima an die Ostwand gerückt (Reform-Anordnung), Frauen-Empore auf einer Ebene seitlich, Aron ha-Kodesch an der Ostwand. Bautyplogisch straßenseitig mit demonstrativer Schaufront. Konfessionsausrichtung Reform.

Budapest (Dohány): Dreischiffiger Hauptraum mit Hauptkuppel im Schnittpunkt, Bima an die Ostwand gerückt, Frauen-Empore auf zwei Ebenen seitlich, Aron ha-Kodesch an der Ostwand. Bautyplogisch straßenseitig mit Zwei-Türme-Front. Konfessionsausrichtung Neologie (ungarische Reform-Mittelposition).

Prag (Spanische): Quadratischer Hauptraum mit überhöhter Kuppel, Bima an die Ostwand gerückt, Frauen-Empore auf einer Ebene seitlich, Aron ha-Kodesch an der Ostwand. Bautyplogisch straßenseitig, allerdings ohne demonstrative Schaufront — die Außenfassade ist deutlich zurückhaltender als in Berlin und Budapest. Konfessionsausrichtung reformnah.

Die orthodoxe Bauten-Tradition — mit zentraler Bima — ist in den vier Hauptstadt-Bauten nur in Wien repräsentiert. Die drei späteren Bauten (Berlin, Budapest, Prag) folgen dem reformerischen Modell mit Bima an der Ostwand. Das ist konfessionsgeschichtlich aufschlussreich: die mitteleuropäische Reform-Bewegung hatte zwischen 1840 und 1870 ihre Hochphase, in der bautypologisch eine eigene Grundriss-Lösung sich durchsetzte.

„Die Verschiebung der Bima an die Ostwand ist die wichtigste liturgisch-architektonische Entscheidung des 19. Jahrhunderts. Sie konsolidiert die liturgische Front, sie verändert die Akustik des Hauptraums, und sie führt eine Differenz zur orthodoxen Tradition ein, die bis heute spürbar ist.” — Sinngemäße Zusammenfassung aus einer Monographie zur Synagogalliturgik, erschienen in den 1980er Jahren im Akademie-Verlag der DDR

Mess- und Maßstabs-Daten

Eine vergleichende Architekturgeschichte braucht harte Daten. Die vier Bauten in der vergleichenden Übersicht:

  • Wien Seitenstettengasse: Hauptraum ca. 25 × 18 Meter, Hauptkuppel-Scheitelhöhe ca. 18 Meter, ca. 500 Sitzplätze im Hauptraum.
  • Prag Spanische: Hauptraum ca. 25 × 25 Meter (quadratischer Grundriss), Hauptkuppel-Scheitelhöhe ca. 22 Meter, ca. 700 Sitzplätze.
  • Budapest Dohány: Hauptraum ca. 53 × 27 Meter, Hauptkuppel-Scheitelhöhe ca. 44 Meter, ca. 3000 Sitzplätze.
  • Berlin Neue Synagoge: Hauptraum ca. 47 × 39 Meter, Hauptkuppel-Scheitelhöhe ca. 50 Meter, ca. 3000 Sitzplätze.

Die Berliner und Budapester Bauten sind die volumendifferentesten der vier; Wien und Prag bleiben in einem Mittel-Maßstab. Die Differenz hat städtebauliche und gemeindegeschichtliche Gründe: die Berliner und Budapester jüdischen Gemeinden zählten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts jeweils über 100.000 Mitglieder, die Wiener Gemeinde war kleiner (knapp 100.000 um 1880), die Prager Gemeinde war mit rund 20.000 die kleinste der vier.

Eine vergleichende Perspektive

Die vier Hauptstadt-Synagogen sind, jede für sich, Kontextbauten ihrer Stadt. Sie sind aber auch — und das ist der eigentliche Wert der vergleichenden Perspektive — Knotenpunkte eines zentraleuropäischen architektonischen Diskurses, der sich über vier Jahrzehnte hinweg in einem dichten Austausch von Modellen und Praktikern aufbaute. Ludwig Förster baute in Wien und in Budapest. Knoblauchs Berliner Lösung wurde in den Wiener und Prager Fachpressen rezensiert. Die Budapester Lösung wurde in den Berliner Bauzeitungen besprochen. Vojtěch Ullmanns Prager Bau stand in einem Dialog mit den drei anderen Lösungen, den er sowohl aufnahm als auch reflektiert verschob.

Diese vier Bauten sind, mit anderen Worten, nicht vier nationale Lösungen, sondern vier Varianten einer gemeinsamen zentraleuropäischen Bauaufgabe. Eine vergleichende Monographie, die diese Vier-Punkt-Konstellation systematisch aufarbeitet — mit Plan-Material, Mess-Daten, Quellenkritik und konfessionsgeschichtlicher Einordnung — steht überfällig aus. Vorarbeiten gibt es; eine Synthese fehlt. Das ist eine Aufgabe für eine kommende Generation von Architekturhistoriker:innen mit zentraleuropäischer Lese-Kompetenz.


Ressort: Diaspora §